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Die Menschen mit den weißen Kitteln

Rund zehn Prozent aller Menschen leiden an der "Weißkittelhypertonie", einer vergleichsweise milden Form der Angst vorm Arzt. Andere geraten schon in Panik, wenn sie nur daran denken, sich einem Arzt zu offenbaren. Da bin ich mal dankbar, dass es bei mir nicht so ist. Eines vorab, die letzten Jahre habe ich meinen Frauenarzt, andere Fachärzte, Krankenpflegepersonal ect. definitiv öfters gesehen als so manchen aus meiner Familie. Was sie alle geleistet haben kann ich gar nicht in Worte fassen. Allen voran Dozent Heinz Leipold. Abgesehen von seiner fachlichen Kompetenz ist er noch einer der wenigen Ärzte mit ausgeprägter Menschlichkeit. Meine Narbenschwangerschaften - vor allem die erste und die damit verbundenen Folgeoperationen waren mehr als komplex. Er war für mich jederzeit erreichbar, verstand meine Ängste und nahm sich immer persönlich Zeit um für mich da zu sein. Ich schätze vor allem seine Ehrlichkeit - er hat mir immer gesagt was Sache ist (obwohl ich es manchmal gar nicht hören wollte), er hat die Schritte, die eingeleitet werden mussten nie verschönert. Trotz seinem sehr stressigen OP- und Arbeitsalltag im Klinikum Klagenfurt schaute er bei jedem der unzähligen stationären Krankenhausaufenthalte in meinem Zimmer vorbei. Auch die Ambulanztermine die ein bis zwei mal die Woche stattfanden um den HCG Wert zu kontrollieren oder einen Ultraschall durchzuführen wurden mit seinem Dienstplan abgestimmt. Das half mir zwar auf meinem schweren Weg nicht weiter, aber es erleichterte den Krankenhausmarathon, da ich ihm blind vertraute und das auch heute noch tue. Was er und sein Team medizinisch geleistet hat verdient wirklich die totale Anerkennung. Dozent Leipold hat auch alles dafür getan, dass ich noch mal schwanger werden kann und er hat mir auch nie die Hoffnung genommen und gerade das hielt mich auch am Leben.

Natürlich gab es ein paar Vorfälle rund um das Klinikum welche ich nicht besonders schön fand. Aber überall wo Menschen arbeiten passieren auch manchmal "Fehler". Man darf auch nicht vergessen, dass Ärzte Tag täglich mit solchen Schicksalen wie meines es war konfrontiert werden. Es ist ihr täglich Brot. Wenn ich heute so zurück schaue und reflektiere weiß ich, dass ich nach außen keine Frau war die am Boden darüber zerstört war über das was gerade in ihr und mit ihr passierte. Ich war so wie ich es oft hörte "hart im nehmen". Ich behielt auch ziemlich lange meinen Galgenhumor. Deshalb wurde ich wohl wahrscheinlich auch nie gefragt ob ich psychische Unterstützung benötigen würde weil ich nach außen eh "stark" war und meine Fassade die voll mit Angst, Schmerz, Wut und Trauer war all dem noch Stand hielt.

Mit meiner Arbeit rund um die gemeinnützige Organisation Wandelstern möchte ich Ärzte, das Pflegepersonal, Hebammen ect. noch einmal sensibilisieren, bei scheinbaren "Powerfrauen" die versuchen einen Kindsverlust so leicht wegzustecken genauer hinzuschauen. Mir ist natürlich bewusst, dass es kaum zeitliche Ressourcen für das seelische Wohlbefinden gibt wenn (so war es zumindest bei mir) Entscheidungen schnell getroffen werden müssen. Es geht da manchmal um Leben und Tod und da zählt nun mal auch jede Sekunde. Ich verstehe heute auch, dass es die Aufgabe von Ärzten ist in erster Linie meinen Körper, meine Innereien und sonst alles was mit meiner Hülle zu tun hat wieder auf die Bahn zu bringen. Betroffene schaffen es aber oft nicht, sich für die seelischen Qualen selbst Hilfe zu suchen. Ich war monatelang wie ein Zombie in einem Schockzustand und habe funktioniert bis mein Inneres dann zu einem Rundumschlag ausholte. Man kann sich das vorstellen wie einen Kleiderschrank, in den man immer wieder Kleidung hineinwirft weil man zu faul ist diese zusammen zu legen. Irgendwann ist kein Platz mehr, irgendwann geht der Schrank nicht mehr zu und irgendwann fällt einem alles mit voller Wucht entgegen. Das durfte ich erleben, und das wünsche ich Niemanden.


Heute bin ich all den Ärzten und dem Pflegepersonal dankbar, für die Erfahrungen - die in diesem Moment zwar sehr schmerzhaft auf allen Ebenen waren aber mir damit auch das Fundament für die Gründung von Wandelstern gelegt haben. Durch meine eigenen traumatischen Erlebnisse kann ich heute Betroffenen helfen, ihnen zur Seite stehen und sie durch diese schwierige Zeit begleiten.


Ich danke allen Ärzten, Krankenschwestern, Pfleger und Pflegerinnen, Hebammen und allen anderen medizinischen Fachpersonal die diesen Weg mit mir gegangen sind. Es gab sicher Tage, da war ich ganz und gar keine einfache Patientin und trotz allem erfuhr ich zu 90 Prozent immer Verständnis und Toleranz für mein Verhalten, meinen Schmerz, meine Trauer, meine Wut und zum Schluss auch für meine Hilflosigkeit.



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