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Verabschiedung Maximilian & Maria

„Euer Platz in unserer Welt ist lebensgroß“


Wie lange haben wir nur auf diesen einen Tag gewartet! Als ich am 02. Juni 2021 erfuhr, dass sich unsere beiden Sternchen noch auf der Pathologie in Klagenfurt befinden, organisierte ich noch am gleichen Tag die Verabschiedung. Ich fuhr ins Klinikum, danach zur Pathologie, zur Bestattung - dann weiter zu einem Termin der gemeinnützigen Organisation Wandelstern - zurück zur Pathologie, danach wieder zur Bestattung und zum Schluss zum Blumengeschäft. Dazwischen führte ich unzählige Beratungstelefonate, organisierte Pater Anton für die Verabschiedung und versorgte meine Familie zu Hause mit Essen. Wenn man das so liest denkt man sich sicher, die spinnt ja total aber ich muss sagen, dass sich all das total richtig angefühlt hat und es noch immer tut. Vorige Woche war es dann so weit. Irgendwie war ich den ganzen Tag relativ unrund, weil ich wusste, dass es nun doch noch einmal ein paar Wunden aufreißen wird. Grundsätzlich bin ich ganz gut mit mir und unseren traumatischen Erlebnissen, aber trotzdem gibt es oft diese Momente die sicher jeder von euch kennt. Es ist alles gut, ihr habt einen schönen Tag und zack schießt wieder irgendetwas in dir hoch und alles ist wieder präsent. Ich denke, dass das vollkommen normal ist und habe mich schon lange damit abgefunden, dass all das nun mal zu meinem Leben gehört. Ich habe aber auch gelernt, damit umzugehen – es anzunehmen oder in unpassenden Momenten einfach zu sagen „Ok, hallo liebe Erinnerung, schön, dass du da bist – aber wir sehen uns später“. Und auch das ist gut. Es ist kein klassisches Verdrängen, wo man alles in sich hineinfrisst, sondern eher ein Verschieben auf später. Wenn es dann für mich passt, setze ich mich hin und reflektiere noch mal ganz genau, was oder wer mich jetzt so getriggert hat. Die Fähigkeit das zu können war harte Arbeit, aber es hat sich gelohnt.

Ich musste am Tag der Verabschiedung schon in der Früh schmunzeln. Meine Tochter, die mir ja schon in ihren ersten Lebensjahren gezeigt hat, dass sie selbstbestimmt und so gut als möglich selbstständig durch die Welt gehen möchte, hat sich wie jeden anderen Tag auch selbst angezogen. Sie wählte ein T-Shirt mit der Aufschrift „New ways of being awesome – today I’m choosing happiness”.

Ich hatte kurzzeitig Tränen in den Augen und musste zugleich aber schmunzeln. Mir fiel wieder die Zeit ein, in der ich Maximilian tot im Bauch trug. Sophie hatte ihre eigene Art und Weise damit umzugehen und es gehörte zur Tagesordnung, jedem – auch der Kassiererin beim Spar zu erzählen, dass ihr Bruder in meinem Bauch gestorben ist. Diese Situationen waren nicht immer besonders leicht für mich, aber trotzdem lies ich all das zu, weil es wohl auch dazu beigetragen hat, dass sie diese belastende Situation verarbeiten konnte.


Es fing immer wieder an zu regnen und ich wurde Minute für Minute unentspannter. Ich rief die Bestattung an, da ich am Handy eine Unwetterwarnung bekam. Der nette Herr beruhigte mich aber und sagte, dass die Verabschiedung bei jedem Wetter stattfinden wird.



Um 15.15 machte ich mich mit Sophie auf den Weg zum Blumengeschäft Skofitsch um das Herz mit weißen Rosen welches wir für die beiden bestellt hatten abzuholen. Es donnerte, der Wind stürmte und es regnete. Mein Mann kam mit Simon um 15.35 zum Friedhof in Annabichl und so wie wir Richtung Kinderfriedhof gingen öffnete sich der Himmel und es hörte auf zu regnen. Ein schöneres Zeichen konnten wir uns für diesen Tag gar nicht wünschen.


Dort erwartete uns bereits Herr Pansy von der Bestattung Kärnten. Wir waren überwältigt, wie liebevoll und schön alles vorbereitet war. Ich stellte den kleinen Sarg mit Maximilian und Maria auf den Tisch. Herr Pansy hat uns auch noch eine wunderschöne Platte gefertigt mit den Namen der beiden und mit zwei Teddybären. Irgendwie war ich damit total überfordert. Ich hatte mir gedacht wir kommen dort hin, es werden ein paar Worte gesagt und dann gehen wir wieder. Endlich fühlten wir uns einmal wahr- und ernstgenommen und verstanden.



Auch Pater Anton – welcher grundsätzlich den Ruf hat gerne zu spät zu kommen (es sei ihm auch erlaubt – immerhin ist er schon 82 Jahre alt) war überpünktlich. Und so starteten wird. Besonders schön fand ich, dass auch Sophie und Simon total in die Rede von Pater Anton miteinbezogen wurden. Er fragte Sophie, was ihr Lieblingsfach in der Schule ist. Wie aus der Pistole geschossen kam „Mathematik“. Der Pater erklärte ihr dann, dass ihre Geschwister im Himmel vielleicht auch rechnen lernen, sagte wie alt die beiden jetzt wären und dass sie immer einen Platz in unseren Herzen haben werden. Die Worte waren sorgfältig gewählt und berührten uns sehr. Da er wirklich alles „Freestyle“ sprach war es noch schöner für uns, dass er für alles genau die richtigen Worte gefunden hat. Schlussendlich sagte er mir, dass wir die beiden jetzt zu ihrer Ruhestätte geleiten. Davor hatte ich Angst. Es war so endgültig, es schmerzte wieder sie jetzt loszulassen, wo ich sie doch gerade er wieder gefunden hatte. Die Friedhofsverwaltung hatte auf meinen Wunsch hin direkt neben dem Baum ein Loch gegraben. Viele von euch Wissen ja über meine Liebe zu Bäumen Bescheid – auch der Gedenkplatz für die Kleinen war immer bei diesem Baum. Ich kniete mich hin, und legte den kleinen Sarg in die Erde hinunter. Sophie legte ihre selbst gebastelte Katze aus Steckperlen drauf. "Die beiden brauchen ja auch eine Hildegard oder einen Hannibal im Himmel", sagte sie vorher zu mir im Auto. Bis zu diesem Moment hielt ich mich ganz gut. Wir beteten ein gemeinsamer Vater unser und Pater Anton segnete die beiden.



Herr Pansy spielte dann noch „Ich lasse los“ von Julia Maria Klein. Bis auf Simon weinten von diesem Moment an alle. Bei mir floss es nur so herunter und auch Sophie konnte sich nicht mehr halten und schluchzte ganz laut. Mir wurde bewusst, dass auch sie diese Verabschiedung gebraucht, hat um das alles was passiert ist abzurunden und abzuschließen. Im gleichen Moment fühlte ich mich aber auch schlecht, weil ich damals nicht wahrgenommen habe, dass sie die Situation auch sehr belastet hat.


Pater Anton und Herr Pansy verabschiedeten sich und wir blieben noch einen kurzen Moment am offenen Grab stehen. Sophie sammelte alle Blumen rund herum ein und warf sie auf den kleinen Sarg und dann fuhren wir nach Hause. Wir haben uns entschieden, die Verabschiedung im kleinsten Kreis zu machen, weil es etwas sehr Emotionales und Wichtiges für uns war – wir auch die ganzen Jahre bis auf die Unterstützung unserer Freunde, Tante Ulli, Onkel Ludwig, Omi und meinen Verwandten im Lavanttal alleine durch diese schwere Zeit gehen mussten.

Als wir zu Hause ankamen, standen vor unserer Türe ganz viele Sachen. Tortenstücke von der Konditorei unseres Verwandten Pauli Fahrnberger, eine wunderschöne Kerze mit den Namen Maximilian und Maria und zwei Karten für die beiden. Natürlich von Tante Ulli. Was würden wir nur ohne sie tun. Sie stand uns die ganzen Jahre über immer bei und ich bin überaus dankbar, in ihr einen Mamaersatz gefunden zu haben.

Mit Tränen in den Augen, aber erleichtert jetzt endlich einen würdevollen Abschluss für die beiden erlebt zu haben schlief ich dankbar ein. Danke an alle, die uns diesen Moment ermöglicht haben. Es bedeutete und bedeutet und unglaublich viel und gibt und sehr viel Frieden und Ruhe.



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